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Ayasha, ein Leben im Wahnsinn unserer Zeit ...

Zu einer Tragödie kam es, während der Flüchtlingskrise 2015, am 26.August auf der Autobahn von Ungarn kommend Richtung Wien. Dabei kamen 71 Menschen, transportiert in einem Kleinlastwagen, aus dem Irak, Afghanistan, Syrien und dem Iran ums Leben. Dieses tragische Ereignis veranlasste mich dazu, eine kleine Geschichte zu konstruieren, um gegen das Vergessen anzukämpfen.

Damals - mein kleines, zartes Händchen lag während des Gehens, anschmiegsam und wohlvertraut, aber dieses mal doch etwas fester in der Hand meiner Mutter. In letzter Zeit war es immer so, dass ich nur auf diese Art das Haus verlassen durfte. Vielleicht hat es ja mit dem vielen Lärm, Rauch und immer wiederkehrenden Explosionen zu tun, angeblich ist dies auch der Grund, weshalb mein Vater schon vor einigen Wochen aufgebrochen ist, um gegen Norden zu reisen. Einen sicheren Ort wollte er dort für uns, seine Familie, ausfindig machen. Ich werde Ayasha gerufen, bin ein 6 jähriges, syrisches Mädchen das momentan von seiner Mutter durch den etwas spärlich besuchten Markt gezogen wird. Meinen beiden Brüdern, Bassam (13) und Faris (9), blieb diese tägliche Tortur erspart, angeblich soll das Besorgen von Lebensmitteln und diversem Kleinkram für den Haushalt eine reine Frauensache sein. Etwas näher war wieder einmal eine Explosion zu hören, alle Menschen auf dem Markt blickten ängstlich und aufgeregt in jene Richtung, wo man schon dunklen Rauch gepaart mit jeder Menge Staub aufsteigen sah. Das Zerren an der Hand meiner Mutter wurde sofort heftiger und eiligst verließen wir den Marktplatz. Es war nicht sehr weit bis nach Hause, wo ich endlich meine Hand wieder für mich alleine haben werde.


Wir waren schon in unsere Straße eingebogen, als wir in der Ferne meinen Bruder Bassam erblickten. Freudigst und guter Dinge hob ich meine freie Hand um ihm zu winken, auch er tat es mir gleich und streckte eine Hand freudigst zum Gruß in die Höhe. Selbst der laute Knall und das einstürzen unseres Wohnhauses konnten sein Winken nicht unterbinden, erst die Trümmer, welche Bassam unter sich begruben, beendeten diese, jetzt wohl Abschied nehmende Geste. Wie erstarrt stand ich erschrocken und allein mitten auf der Straße, erst nach geraumer Zeit, als der herumgewirbelte Staub endlich die Sicht ein wenig freigab, konnte ich meine Mutter weinend, laut jammernd und auf den Trümmern kniend erkennen. Mit bloßen Händen versuchte sie verzweifelt zu meinem Bruder vorzudringen, meterhohe Mauerreste machten dieses Vorhaben allerdings unmöglich. Unser Wohnhaus stand nur noch zur Hälfte, die gesamte vordere Front war einfach weg. Später erfuhr ich, dass eine Rakete einschlug und unser einstürzendes Gebäude meinen Bruder von uns nahm.  Dieses Ding, war angeblich auch für die zahlreichen Verletzungen meines zweiten Bruder verantwortlich. Faris war im Haus geblieben um TV zu sehen, er konnte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr richtig laufen und sein Augenlicht war stark beeinträchtigt. Vater fehlte mir sehr in diesen Tagen, er könnte mir sicher Trost, Zuversicht und einige aufmunternde Worte spenden. In letzter Zeit wohnten wir, da unser Haus nicht mehr sicher war, bei Onkel Fazal, einem Bruder meiner Mutter. Lange und oft heftig gestikulierend unterhielten sich die Beiden wochenlang, ich konnte ab und zu die Worte Europa, Auswanderung und beschwerliche Reise vernehmen. Wie auch immer, dachte ich bei mir, unser bisheriges Leben gibt es nicht mehr und wenn Vater wieder kommt, wird bestimmt wieder alles gut.


Die Reise - Vor einigen Monaten wurde plötzlich mein Schlaf unsanft unterbrochen, mitten in der Nacht kam mein Onkel nach Hause, packte Mutter und mich samt ein paar Habseligkeiten in einen Kleinbus und ab ging die Reise ins Ungewisse. Faris, mein zweiter Bruder war inzwischen ebenfalls von uns gegangen. Seine inneren Verletzungen waren wohl stärker als er, auch meine Pflege und der schwesterliche Beistand war anscheinend nicht stark genug um sein junges Leben zu erhalten. Mutter war seit dem kaum noch wieder zu erkennen, mag wohl auch daran liegen, dass Allah anscheinend auch meinen Vater zu sich gerufen hatte. Während der Überfahrt mit einem kleinen Boot über ein großes Meer soll das passiert sein, einfach umgekippt sei das Boot und nahm aller Leben. Eigenartig, ich dachte immer, Vater war ein guter Schwimmer gewesen.


Mein Onkel kümmerte sich wirklich rührend um uns, wir waren inzwischen in einem Land welches Türkei genannt wird. Hier lebten wir in einer riesigen Stadt die nur aus Zelten bestand. Für mich war das ein Spaß, mit all den anderen Kindern sogenannter Flüchtlinge zu Spielen und herum zu tollen. Wir gingen zwar hungrig zu Bett, naja, eher wohl Liege genannt, dafür standen wir aber mit dem selben Hunger am nächsten Morgen wieder auf. Manchmal weckte mich das Weinen meiner Mutter, dann legte ich mich zu ihr und drückte mich ganz fest an sie während ihre Hand zärtlich durch mein Haar strich. Fünf Wochen waren wir in diesem Lager, danach wurden wir mit einem großen Schiff in das Land der Griechen gebracht. Auch dort mussten wir drei Wochen ausharren, bevor es weiter Richtung Norden ging. Noch weit vor der Grenze zu Ungarn verloren wir meinen Onkel aus den Augen, serbische Soldaten dürften ihn aufgegriffen und mitgenommen haben.


Ich versteh das alles nicht, warum durften wir nicht Reisen wohin wir möchten? Warum mag man uns hier nicht? Warum ist der Weg nach Norden so beschwerlich? Angeblich sind wir ja schon in Europa, was auch immer das sein soll, trotzdem wurde unsere Reise von Tag zu Tag mühsamer. In Ungarn angekommen, musste Mutter unser letztes Erspartes dafür ausgeben, damit wir mit anderen Menschen in einen Lastwagen zusammen gepfercht wurden. Es war finster in diesem Fahrzeug, alle hatten Durst und es war nicht mal Platz um sich etwas hinzulegen, wo wir doch alle schon so erschöpft und müde waren. Schon nach einem Tag wurde es unerträglich heiß, aber auch stiller im Fahrzeug. Konnte ich bisher noch das Atmen der Anderen hören, vernahm ich jetzt nur noch vereinzeltes Jammern und Röcheln. Meine Mutter flüsterte mir zu, dass ich jetzt sehr tapfer sein müsste, da sie vermutlich nicht mehr lange für mich da sein konnte. Kurz darauf dürfte sie etwas Platz gefunden haben um sich ein wenig hinzulegen. Mit Tränen in den Augen sank ich zu ihr hinab und versuchte mich ängstlich an sie zu klammern, aber ich spürte weder ihren Atem noch ihre Hand die mich immer so gerne liebkoste.


Die Ankunft - ich konnte kaum noch atmen als der Lastwagen anhielt, ich hörte wie die Fahrertür zuknallte und hastige Schritte die sich rasch entfernten. Kurz darauf, ich drückte mich fest an meine vermutlich schlafende Mutter, wurde die hintere Türe des Fahrzeuges geöffnet. Das einfallende Licht bohrte sich in meine Augen welche nur noch Finsternis kannten. Langsam konnte ich erkennen was um mich vorging, nicht nur meine über alles geliebte Mutter lag leblos auf dem Boden, auch alle Anderen taten es ihr gleich, ein kalter Schauer durchlief meinen kleinen Körper. Eine fremde Frau in einer fremden Uniform versuchte mich, immer beruhigend auf mich einredend, aus der Umklammerung mit meiner Mutter zu befreien. Mein entkräfteter Zustand war schuld daran, dass ich nicht lange stand halten konnte. Ich zitterte am ganzen Körper, brachte kaum ein Wort über meine Lippen, während ich in ein anderes Fahrzeug gebracht wurde. Essen und Trinken gab es hier anscheinend im Überfluss, auch eine Ärztin war zur Stelle um mich genauestens zu untersuchen. Nun kam auch ein Mann dazu, dessen Sprache ich halbwegs verstehen konnte, bei all den anderen Menschen in Uniform war das nicht der Fall. Jetzt erfuhr ich, dass ich in einem Land namens Austria angekommen bin. Auch das ich die einzige Überlebende von 72 Reisenden sei, wurde mir schonend beigebracht während ich zusah, wie meine Mutter und all die Anderen in Särge gelegt wurden. Tränen, furchtbare Angst und Unsicherheit war alles, was ich momentan geben konnte. Erschöpft und ausgelaugt sank ich in den Schoß der nett wirkenden Frau in Uniform. Ich spürte ihre Hand in meinem Haar und schlief ein, um sogleich meinen Träumen zu lauschen.



Ich träumte davon, wie schön wir es einst hatten bei uns zu Hause, Vater war glücklich mit seinem kleinen Geschäft, Mutter kümmerte sich mit viel Liebe um uns Kinder und manchmal machten wir einen richtigen Familientag, an dem viele Verwandte und Bekannte sich trafen um dies und das gemeinsam zu feiern, es wurde fröhlich getanzt, lauthals gesungen und gelacht. Ich sah meine Brüder, wie sie freudig und guter Dinge durchs Leben eilten, auch mein geliebter Vater besuchte mich heute in meinen Träumen, ich sehe in seine stolzen Augen und drücke mich liebevoll an ihn. Ein letztes mal fühlte ich mich geborgen im Arm meiner Mutter, spürte ihre Hand in meinem Haar und saugte ihre Nähe in mich auf. Im Traum sah ich allerdings auch, wie Krieg in unser Land und Leben Einzug hielt, wie er meine Liebsten zu seinen Opfern auserwählte. Nur ich, ein kleines unscheinbares Mädchen, musste bleiben in dieser zerrissenen Welt. Aber auch ich selbst kam heute in meinen Träumen vor, Ayasha werde ich genannt, ich bin in einem fernen Land, unter Menschen deren Sprache ich nicht verstehe und verlassen von all meinen Liebsten. Aber ich muss stark sein, dieses Leben wird auch weiterhin mein wohlwollender Begleiter sein denn ich bin Ayasha und das bedeutet Leben.


 

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